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"Rezepturentwicklung - natürlich selbst gemacht"

Eigentlich gehört es zum typischen Berufsbild eines handwerklichen Bäckers, ist aber in der Routine des Alltags zunehmend in den Hintergrund gedrängt: das Selbstentwickeln von Backrezepten. Dazu besteht jedenfalls Bedarf, denn so Günter Deppisch, Geschäftsführer der Bäcker-Innung München, waren bei diesem Seminar im Saal der Bäcker-Innung München mehr Teilnehmer als bei mancher Innungsversammlung.

 Bäckermeister Markus Messemer, Leiter des Beratungsunternehmens "food IT", begründete zu Beginn seines Vortrags den Weg zurück zur eigenen Rezeptur mit der Stärkung des Profils des jeweiligen Bäckereibetriebs, mit dem Abheben gegenüber der Billigkonkurrenz und dem Erlangen eines eigenen Geschmacks. "Weg von der Tüte" ist seine Devise und er plädierte für eigene Mischungen aus Grundzutaten.

 Im Zentrum des Seminars stand die Fähigkeit, eigene Rezepturen entwickeln zu können, neue Rohstoffe kennen zu lernen, auf Kundenwünsche einzugehen, z.B. mit lokalen Backwaren oder mit "Oma-Rezepten", die man backstubentauglich machen müsse. Die Vorgehensweise erklärte Markus Messemer anschaulich und ausführlich, im Zentrum seines Vortrags stand der Umgang mit einer selbst entwickelten Rezepturensoftware.

 In eigenen Rezepturen stecke ein Sparpotential, erläuterte der Referent, da die meisten Rohstoffe billiger seien als die fertigen Mischungen, ferner sei es befriedigender mit eigenen Ideen zu arbeiten als mit Convenienceprodukten, und die Kundenberatung vereinfache sich, weil man wisse, was enthalten sei. Vor allem aber sinke die Austauschbarkeit mit jedem individuellen Produkt. Er nannte ein Beispiel: "Bieten Sie ein Brot unter einem besonderen Gesundheitsaspekt an. Machen Sie ein Brot mit einer weicheren Kruste für Senioren! Denken Sie sich ein Brot für Aktionen aus. Geben Sie einem Brot eine besondere Form - als ob es ein Geschenkartikel wäre!"

 Im praktischen Teil ging Messemer zunächst die Zutaten durch, rief manch Erlerntes, aber nicht (mehr) Präsentes ins Gedächtnis zurück und brachte viele neue Impulse. "Bei den Süßungsmitteln setzen Sie doch mal Ahornsirup ein!" riet er und warnte gleichzeitig vor Cremefetten, indem er an die Zutatenliste erinnerte, die so manchen Kunden abschrecken könnte. Er ermunterte durchaus auch ein Gewürz wie Rosmarin zu testen oder bei den Zugussflüssigkeiten auch an Schmand oder an Traubensaft (für ein "Winzerbrot“) zu denken. Die Vorgehensweise zur Entwicklung eigener Rezepturen stellte der Referent in praktisch erprobten Schritten vor. Von der Gebäckidee (was will ich eigentlich?) über die Form (Kasten oder freigeschoben) und Getreidemischungsverhältnis kam Messemer zu Schrot, Flocken, sonstigen Zutaten und schließlich zu Vorstufen, Quellstücken und Zugussflüssigkeiten. Jede Stufe der Verarbeitung biete viele Möglichkeiten zur Variation, woraus letztlich die Alleinstellung des Produktes folge.

 Messemer erstellte nicht nur anhand der Rezepturensoftware einige Rezepturbeispiele, sondern erklärte auch, wie Backversuche mit Versuchsprotokoll durchzuführen seien. Wo sind Fehlerquellen? Wie kann man die Rezeptur optimieren? Abschließend gab er Anregungen und praxisnahe Tipps zur Positionierung der Kreationen im Verkauf, zur Werbung und zur Instruktion des Verkaufspersonals.

 Damit die Rezepturentwicklung nicht nur in Form von grauer Theorie stattfand, hatte Markus Messemer Herrn Brandmeier aus Bad Bayersoien mit eingeladen, der mit seinen Backwaren zeigte, dass eigene Rezepturen auch in der Praxis funktionieren und von den Kunden sehr gut angenommen würden. Markus Messemer will das Thema der eigenen Rezepturenentwicklung forcieren und hat dazu ein Forum geschaffen  (www.wir-baecker.de), in welchem auch Rezepturen ausgetauscht werden können. Er bietet auch an, dass er  Bäckereien vor Ort in der Umstellung betreut.

Das Foto zeigt Markus Messemer bei dem Seminar "Rezepturentwicklung".